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Münchner Merkur vom 06. Dezember 2016

Erst Schrank, dann Sarg

Peter Braun ist Pragmatiker: „Wenn jemand im Dorf so eine einfache Kiste will, dann ist jemand da, der sie baut“, sagt der 59-jährige Zimmerer aus Holzhausen (Gemeinde Münsing). Zuvor kann der Sarg als Vorratsschrank (im Hintergrund) genutzt werden. Fotos: Hans Lippert

Zimmerer Peter Braun setzt eine ungewöhnliche Idee in die Tat um

von patrick staar

Holzhausen – Außergewöhnliches gab es kürzlich wie berichtet beim Atelier-Café im Geltinger Hinterhalt zu sehen. Beispielsweise einen Naturholz-Schrank mit Tür, der sich mit den sechs daran geschraubten Griffen zu einem maßgeschneiderten Sarg umbauen lässt. Die Idee dazu hatte Peter Braun, Zimmerer aus Holzhausen. Im Interview mit unserer Zeitung erläutert der 59-Jährige die Hintergründe.

-Herr Braun, wie sind Sie auf die Idee mit dem Schrank-Sarg gekommen?

Ich hatte einen Kunden, der wollte in einer einfachen Kiste beerdigt werden und nicht in einem luxuriösen Furniersarg. Dieser Gedanke hat mich beeindruckt. Ich habe gesagt: Baue ich einfach mal Särge.

-Was ist der Vorteil von einem solchen Schrank-Sarg?

Es gibt immer wieder Leute, die ihre Beerdigung selbst organisieren. Wenn man zu Hause keinen Platz hat, um einen Sarg zu lagern, kann man ihn einfach als Schrank verwenden. Aus einem „normalen“ Sarg kann man keinen Schrank machen.

-Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es dafür?

Man kann ihn als Speiseschrank verwenden oder als Vorratsschrank. Oder als Sitzmöbel.

-Kann man damit als Zimmerer reich werden?

Das ist keine große Geschäftsidee. Ich stelle übrigens auch Urnen her.

-Neigen Sie zu ausgefallenen Ideen?

Nein. Das hat sich einfach so ergeben. Wenn jemand im Dorf so eine einfache Kiste will, dann ist jemand da, der sie baut.

-Das klingt nicht so, als seien Sie ein klassischer Gothic, der sich das Gesicht weiß schminkt und nur schwarze Kleidung trägt...

...und der in einem Sarg schläft? Darüber habe ich mal einen Bericht gelesen – aber ich gehöre nicht zu diesen Leuten.

-Haben Sie ein spezielles Verhältnis zum Tod?

Ich habe keine Todessehnsucht oder so etwas. Wenn man gescheit lebt, dann kann man sich auch mit dem Tod auseinandersetzen. Dann hat man keine Angst davor.

-Was macht ein gutes Leben aus?

Gemeinschaft, Gesellschaft, feiern, arbeiten, Natur, Garten, Bergsteigen, Skitouren fahren, Klettern, Boot fahren. Ich habe zum Teil gefährliche Hobbys. Aber ein todesnahes Erlebnis hatte ich noch nie.

-Wie sind die Reaktionen auf Ihre Arbeit?

Nach einem Zeitungsartikel habe ich Briefe aus Norddeutschland gekriegt – und aus dem Rheinland. Einer hat mir Gedichte geschickt. Eine Münchnerin wollte gleich einen Schrank-Sarg kaufen. Sie ist 80 Jahre alt, wohnt allein am Marienplatz und sorgt sich.

-Ist es nicht ein merkwürdiges Gefühl, wenn man den ganzen Tag auf den Schrank, sprich Sarg schaut, in dem man später mal liegt?

Ich sehe die Särge überhaupt nicht mehr. Außerdem baue ich nicht meinen eigenen Sarg, sondern irgendeinen – der natürlich meiner sein könnte. Ich denke nicht die ganze Zeit ans Sterben.

-Wie beurteilen Sie den Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft?

Die meisten Leute haben Angst vor dem Tod oder verdrängen ihn. Alte Leute werden in Heime abgeschoben. Der Familienverbund ist nicht mehr so eng wie früher. Daher kriegt man es häufig gar nicht mehr mit, wenn jemand stirbt. Särge zu bauen ist an sich nichts Besonderes. Früher war es ganz normal, dass das der Dorfschreiner gemacht hat. Erst durch die Verbreitung der Bestattungsunternehmer ist die Arbeit weggeschoben worden. Die Leute wissen ja auch nicht mehr, was sie machen müssen, wenn jemand stirbt. Leichenfrauen und Totengräber gibt es ja auch immer weniger.

-Sind Sie ein religiöser Mensch?

Sagen wir mittelreligiös. Ich gehe nicht regelmäßig in die Kirche. Ich brauche keinen Halt durch den täglichen Kirchgang. Wenn man in den Garten geht oder raus in die Natur, sieht man den Schöpfer genauso.

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